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Dahinter liegt New York

Eingefahren:
06. 2019
Kilometer:
97.50
Höhenmeter:
1000.00
GPX-Track
  • Rennrad, Portugal, Lissabon, Sintra
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Da soll noch einer sagen, Großstädte sind nicht fürs Rennrad geeignet. Da wo es seit Jahrhunderten den Lissabonner Adel zur Sommerfrische hinzieht, können auch wir nicht gänzlich fehl am Platz sein. Entlang der Tejo-Mündung in den Atlantik, zum westlichsten Punkt des europäischen Kontinents bis hin zu den Palästen von Sintra bietet diese Runde nicht nur ein ansprechendes touristisches Angebot, sondern vor allem auch schöne Straßen, die keine Rennrad-Wünsche offen lassen.

 

Die Runde startet im Zentrum von Lissabon vor dem empfehlenswerten Radverleih Lisbon Bike Rentals. Hier werden die neuesten Canyon-Modelle vermietet und für mich gibt es heute das aktuelle Canyon Aeroad CF SL Disc. Wie es sich für die iberische Halbinsel gehört, natürlich im Movistar-Design und ohne mich jetzt zu sehr im technischen Dschungel verirren zu wollen, kann ich eines zu dem Rad sagen: es fliegt.

Und zwar fliegt man, wenn man diese Runde nachfährt, schnurstracks Richtung Westen. Aus Angst vor dem Verkehr wäre ich nicht auf die Idee gekommen, Lissabon auf der parallel zum Tejo verlaufenden Ausfallsstraße (N6) zu verlassen. Nach beruhigenden Worten der Crew vom Radverleih wage ich es dann aber doch und bin vom Ergebnis überrascht. Zwar gibt es einigen Verkehr, die portugiesischen Autofahrer sind aber überaus rücksichtsvoll und halten soviel Abstand, wie man es sich in unseren Breiten in den kühnsten Träumen nicht auszumalen wagt. Vielleicht habe ich nur Glück, aber während der gesamten Ausfahrt bleiben mir brenzlige Situationen erspart.

Vorbei am Torre de Belém erreicht man allmählich die Mündung des Tejo, des längsten Flusses der Iberischen Halbinsel, in den Atlantik. Weiter in streng westlicher Richtung geht es der Costa do Estoril entlang nach Estoril und Cascais.

Aufgrund der dichten Besiedlung ist Estoril nicht gerade als Rad-Hotspot bekannt. Eher schon für den mittlerweile nicht mehr am Rennplan stehenden Formel 1 Grand Prix sowie als gepflegter Rückzugsort für die reiche Oberschicht Lissabons und für diverse zu Beginn des letzten Jahrhunderts gestürzte europäische Herrscher, wie etwa Don Juan de Borbón aus Spanien, Miklós Horthy aus Ungarn, Umberto II., der Letzte König Italiens, Zar Simeon aus Bulgarien und König Karl II. aus Rumänien. 

Man passiert den mondänen Yachthafen und das prächtige Rathaus von Cascais und dann lässt man den Verkehr erst einmal hinter sich. Der Küste entlang kommt man zur Praia do Guincho, einem Strand der vorwiegend von Surfern und Liebhabern romantischer Sonnenuntergänge frequentiert wird. Als Badestrand hat er aufgrund der gefährlichen Strömungen nur untergeordnete Bedeutung. 

Den nun folgenden Anstieg kann man in zwei Abschnitte unterteilen. Zunächst geht es parallel zur Atlantikküste in Richtung Norden nach Azoia. In dieser an und für sich unspektakulären Ortschaft sollte man sich keinesfalls einen kleine Abstecher entgehen lassen, auch wenn dieser eine Abfahrt und einen Gegenanstieg von zusätzlichen 140 Höhenmetern nach sich zieht. Der Grund für diese Fleißaufgabe ist der westlichste Punkt des europäischen Festlandes mit einem angeblich beeindruckenden Blick über den Atlantik. Dichte Wolken und Regen vermiesen mir leider den Ausblick und New York kann ich wohl nicht nur aufgrund des schlechten Wetters nicht am Horizont entdecken.

Die Runde verlässt nun die Küste und schwenkt ins Landesinnere um. Die gesamte Regenmenge des letzten Monats prasselt im grundsätzlich wettersicheren Portugal auf mich herab, während ich den Hügelzug Serra de Sintra erklimme, der von West nach Ost auf wunderbarer ruhiger Straße überquert wird.

Am Nordöstlichen Rand der Serra de Sintra liegt die namensgebende Stadt Sintra, die wegen ihrer teils jahrhundertealter Villen und Paläste zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt wurde. Die Runde führt auch unmittelbar an der Hauptattraktion, dem Palacio Nacional da Pena vorbei. Dieser ist ein wahrer Besuchermagnet, weswegen man hier am östlichen Rand der Serra de Sintra wieder mit reichlich Verkehr rechnen muss. Parkplätze gibt es nur wenige, die Straße ist in diesem Bereich auch so eng und steil wie sonst nirgends während der Runde und zudem hier für einige Kilometer mit einem recht ruppigen Kopfsteinpflaster bestückt. Und so ist es nicht verwunderlich, dass es hier wohl öfters zu einem Verkehrskollaps kommt. Bei beiner Befahrung kommt dabei ein Stau heraus, von dem ich nicht weiß, wie er sich irgendwann wieder aufgelöst hat. Durch den seltenen Regen haben sich die Straßen in eine wahre Rutschbahn verwandelt und ausgerechnet im steilsten Abschnitt ist ein Wohnmobil hängen geblieben, für das es wohl noch einige Zeit weder vor noch zurück gegangen ist. Ich komme leicht vorbei, aufgrund des dichten Nebels ist mir allerdings ein Blick auf den imposanten Palacio verwehrt, wobei ich allerdings nicht einmal weiß, ob man ihn bei Schönwetter von der Straße aus sieht.

Auf diesen küstennahen Straßen, die nur selten Wasser sehen, führt Regen immer zu Problemen. Das wissen auch die Leute von Lisbon Bike Rental, die schon sorgenvoll auf meine Rückkehr warten und dann akribisch den teuren Boliden auf Sturzfolgen absuchen. Trotz einiger bedrohlicher Rutscher kann ich aber zum Glück einen Sturz vermeiden und das Rad heil zurückbringen.

Für den sanft abfallenden Rückweg zur Küste wähle ich aufgrund der nass-rutschigen Verhältnisse kleine Straßen abseits des Verkehrs. Bei entsprechendem Verkehrsaufkommen und trockenen Straßenverhältnissen würde so ein Aerorenner auf den größeren Straßen aber sicher auch gehörig Spaß machen.

Entlang der Küste gebe ich auf den letzten 15 Kilometern dem Radweg eine Chance. Der teilt allerdings das gleiche Schicksal wie viele seiner Artgenossen: über weite Strecken gut ausgebaut und schön zu fahren, dann an entscheidenden Stellen aber verwinkelt, eng und ungepflegt oder gar nicht erst vorhanden, so dass ein richtiger Fahrfluss nicht aufkommen mag. Da versteht man dann doch, warum die Locals die Straße bevorzugen. Wenn man die Runde aber gemütlich ausklingen lassen mag und einem die Durchschnittsgeschwindigkeit egal ist, kann er durchaus eine entspannte Alternative sein.

 

GPX-Track
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Start/Parkmöglichkeiten

Lissabon, Lisbon Bike Rental, Largo do Corpo Santo 14

Wegpunkte

Lissabon - Oeiras - Estoril - Cascais - Malveira da Serra - Azoia - Cabo da Roca - Serra de Sintra - Agualva-Cacém - Lissabon